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VON MATTHIAS BARTL

KÖTHEN/MZ - 06.08.2010

Der Blick ins Internet bringt manchmal überraschende Ergebnisse. Auf der Homepage der Firma Nordmethan beispielsweise findet sich unter der Rubrik Projekte die Information, dass das Unternehmen in Köthen eine Biogasanlage errichten will: Baubeginn Frühjahr 2011. Dieser Termin ist die Überraschung zur Überraschung, denn bis dato ist das Thema noch in keinem einzigen parlamentarischen Gremium behandelt worden. Weder im Bau- und Umweltausschuss noch in anderen Ausschüssen des Stadtrates war darüber ein Wort zu hören - nicht einmal im informatorischen Teil.

Dabei wird an der Angelegenheit schon seit rund anderthalb Jahren gearbeitet, wie Dirk Tempke, Prokurist von Nordmethan, der MZ mitteilte. Tempke sollte eigentlich zufrieden darüber sein, dass das Vorhaben inzwischen so weit fortgeschritten ist, um einen Baubeginn verkünden zu können. Dass er es dennoch nicht ist, liegt an dem Zündstoff, der in dem Bauplatz liegt, auf dem die Anlage errichtet werden soll.

Dieser liegt im Gewerbegebiet Ost am Damaschkeweg und damit in nur knapp bemessener Entfernung, wenige hundert Meter, von den Siedlungen Alt-Melwitz und Melwitz II. Wo die Aufregung über das Vorhaben binnen weniger Stunden erhebliche Wellen schlug. Den Stein ins Rollen gebracht hat Ronald Mormann, der bei einem Straßenfest in Melwitz eher beiläufig von den Nordmethan-Plänen erfahren hatte. Mormann, selbst Melwitzer, bohrte nach und fand heraus, "dass nicht einer der Anwohner über das Projekt im Bilde war". Es gehe nicht an, ein solches Vorhaben so weit voranzutreiben, ohne die betroffenen Nachbarn vorab davon in Kenntnis zu setzen. "Es geht gar nicht darum, die ökologische Bedeutung erneuerbarer Energien zu schmälern - aber so ein Vorhaben kann nicht zu Lasten vieler Anlieger gehen." Inzwischen hat sich am Rand von Köthen schon der Widerstand formiert - die baldige Gründung einer Bürgerinitiative gegen die Anlage scheint nicht ausgeschlossen.

Mormann hatte zum einen die Muße, sich bei Anliegern der großen Nordmethan-Anlage in Könnern über die Auswirkungen zu informieren, als auch bei Köthener Parlamentariern nachzuforschen. Letztere freilich fielen aus allen Wolken, als sie mit den Fakten konfrontiert wurden - ihnen war nämlich nichts davon bekannt, nicht einmal der Vorsitzende des Bau-und Umweltausschusses, Uwe Raubaum (SPD), hatte jemals von dem Projekt gehört. "So etwas", findet Mormann, "geht gar nicht."

 Inzwischen hat das engagierte Kreistagsmitglied auch mit Prokurist Tempke gesprochen und diesen von dem - gelinde gesagt - Widerstand in Kenntnis gesetzt, den das Vorhaben binnen kürzester Frist hervorgerufen hat. Was Tempke am gestrigen Morgen einigermaßen unvorbereitet traf. Der Nordmethan-Mann war bis dahin der Meinung, alles würde reibungslos ablaufen. Jetzt ist er entsprechend unglücklich, zumal er seinem Unternehmen keine Schuld an dem aufgekommenen Ärger beimessen möchte. "Wir haben damals Kontakt zur Stadt aufgenommen und unser Investbegehren vorgestellt. Wir haben darum gebeten, uns bei der Beschaffung eines Gewerbegrundstücks zu unterstützen, das unseren Vorstellungen entspricht." Die sind in erster Linie durch technische Rahmenbedingungen gekennzeichnet: eine Mindestgröße von fünf bis sechs Hektar, die Möglichkeit, über eine 16-Bar-Mitteldruckleitung Gas ins Netz einzuspeisen. "Etwa vor drei Monaten hat uns die Stadt dann auf das jetzt unter Beschuss geratene Grundstück aufmerksam gemacht", sagt Tempke. Man habe geprüft, ob es technisch gesehen geeignet sei und es für positiv empfunden. "Wie die Stadt auf dieses Grundstück gekommen ist, das bleibt uns natürlich verschlossen", sagt der Nordmethan-Prokurist, der auch nicht über Hintergründe spekulieren will und hörbar sauer ist, "dass das jetzt zum Politikum geworden ist." Vor sechs bis acht Wochen habe man dem privaten, in Köthen ansässigen Eigentümer ein notarielles Kaufangebot
unterbreitet. Die Stadt ihrerseits habe zusätzlich darauf hingewiesen, dass - falls das Grundstück nicht ausreiche - man auf die evangelischen Kirche zugehen könne, die in der Nachbarschaft kleinere Flächen besitze.

Tempke sieht den Ball jetzt im Feld der Stadt liegen. Die Nordmethan GmbH habe ihre Aufgaben erledigt, sehe für das umstrittene Grundstück zwar ein aussichtsreiches Genehmigungsverfahren und habe auch bereits eine Bauvoranfrage bei der Stadtverwaltung eingereicht. "Wir sind aber trotzdem bereit, von dem Grundstück zurückzutreten, wenn uns die Stadt ein anderes Grundstück anbietet." Man habe das gesamte Verfahren schließlich mit Wissen der Stadt so weit vorangetrieben, dass man jetzt schon Unterstützung erwarte. "Wir haben auch schon eine ganze Menge Geld in die ersten Planungsarbeiten investiert." Angesprochen auf den Termin, bis zu dem er ein Zeichen der Stadt erwarte, unterstrich Tempke, dass man die Stadt nicht unter Druck setzen wolle. "Aber in vier Wochen möchten wir schon wissen, woran wir sind." Kommentar

 

Biogas zwingt Köthen Energie zu Investition
Unternehmen müsste nach Lage der Dinge eine teure Rückeinspeiseanlage bauen lassen.
VON MATTHIAS BARTL

KÖTHEN/MZ - 06.08.2010

Neben den Anliegern wäre auch das Unternehmen Köthen Energie von dem Vorhaben der Firma Nordmethan betroffen, in Köthen eine Biogasanlage erheblichen Ausmaßes zu errichten. Die Köthen Energie (KE) ist der Netzbetreiber, der das im Damaschkeweg erzeugte Biogas in seine Leitungen aufnehmen müsste. Tatsächlich müsse man hier von einer Pflicht reden, stellt Patrick Wrobel fest, Geschäftsführer der Köthen Energie Netz GmbH. Früher habe man solche Einspeisebegehren ablehnen können, nach neuer Gesetzgebung sei dies nicht mehr möglich. Prinzipiell sei die Förderung regenerativer Energien ja zu begrüßen, betont KE-Geschäftsführer Wolfgang Thurau. In diesem Fall allerdings ist das Unternehmen von den Plänen der Nordmethan alles andere als erbaut.

Aus nachvollziehbaren ökonomischen Gründen. Nach den Unterlagen, die die Nordmethan an KE übermittelt hat, muss diese von einer Einspeisemenge im Umfang von 700 Kubikmetern pro Stunde ausgehen. Das bringt Problem Nr. 1 mit sich: Im Sommer benötigt Köthen Energie im Durchschnitt 300 Kubikmeter pro Stunde, 400 Kubikmeter werden also schlicht zu viel eingespeist. "Wir können die kontinuierliche Abnahme nicht gewährleisten", so Thurau. Was wiederum bedeutet, dass dieses Gas in "vorgelagerte Netzstufen" transportiert werden muss - also in das Netz der Verbundnetz Gas AG. Die dafür zwar keine Extra-Kosten berechnen dürfte, aber der finanzielle Knackpunkt ist die Rückeinspeiseanlage, die auf alle Fälle benötigt wird. "Die kostet richtig Geld", sagt Wrobel. KE hat nach offizieller Abstimmung mit Nordmethan ein Ingenieurbüro beauftragt, die technische Machbarkeit des Netzanschlusses zu prüfen. "Für uns ist das ja ein völlig neues Thema", erläutert Patrick Wrobel die Einbindung eines externen Sachverständigen. Zwar steht noch nicht definitiv fest, wie viel Köthen Energie in die Rückeinspeisung investieren muss, aber es gibt Schätzungen, die von rund drei Millionen Euro sprechen. Das wäre ein ziemlicher Brocken für das Unternehmen, zumal es verpflichtet ist, die Sache durchzuziehen, wenn Nordmethan die Sache durchzieht. Im Gesetz sei zwar festgehalten, dass solch ein Projekt auch unter den Vorbehalt der wirtschaftlichen Zumutbarkeit gestellt wird, "aber kein Mensch hat definiert, was wirtschaftliche Zumutbarkeit ist."

Man darf an dieser Stelle eine Folgenabschätzung vornehmen, die über die Folgen für die Einwohner von Alt-Melwitz und Melwitz II hinausgeht: Wenn Köthen Energie die Summe investieren muss, wird das kaum ohne Auswirkungen auf die Kosten bleiben, zu denen das Unternehmen seine Leistungen in Köthen anbietet. Und dann wären von dem Bau der Biogasanlage sehr viel mehr Köthener betroffen.


ANLAGE
Geruch, Lärm und Fliegen Bei Biogas machen sich Anlieger viele Sorgen.

 KÖTHEN/MZ/MB - 06.08.2010

Die Nordmethan Green Energy hat ihren Hauptsitz im niedersächsischen Vechta. Das Unternehmen ist eine Tochter der Weltec Biopower GmbH, einem Weltmarktführer für Biogas-Komplettanlagen aus Edelstahl. Größtes Objekt der Nordmethan ist derzeit die Anlage Könnern, wo im Jahr 15 Millionen Kubikmeter Biomethan erzeugt werden.

Dagegen ist die geplante Köthener Anlage kleiner, aber immer noch von einiger Größe. Vorgesehen ist für Köthen eine Anlage die vier Millionen m³ Biogas pro Jahr herstellt, das sind rund fünf Megawatt Leistung. Dafür werden etwa 40 000 Tonnen Substrat benötigt, so Rainer Tögel, Projektleiter bei Nordmethan. Eben das Substratangebot sei es gewesen, was die Nordmethan auf Köthen aufmerksam gemacht habe, erklärt Tögel. Man habe für Könnern ein ausreichendes Substratangebot und viele Lieferanten aus der Köthener Region. Danach habe man ernsthaft überlegt, in Köthen eine Biogasanlage zu errichten, "denn es ist ökologisch unsinnig, das Substrat so weit zu fahren".

Das Substrat besteht vor allem aus Maissilage und Ganzpflanzensilage. Dazu kommen noch Exoten wie Sudangras und Zuckerpressschnitzel. Gülle, so Prokurist Dirk Tempke, werde nicht benötigt, allenfalls für das "Animpfen" der Fermentoren, in denen das Gas hergestellt wird. Beim Animpf-Prozess werden Vergärungsbakterienstämme dazu gebracht, den Prozess der Gasherstellung zu starten.

Tempke ist im MZ-Telefonat bemüht, die Sorgen zu reduzieren, die Anlieger immer haben, wenn sie mit dem Bau von Biogasanlagen konfrontiert werden: Geruchsbelästigung, Transportlärm, Fliegenbefall. Es gebe so gut wie keine Gerüche, beteuert Tempke, denn jeder Geruch sei in einer Biomethanraffinerie gleichbedeutend mit Verlust an erzeugtem Biogas. Das Unternehmen müsse sich an die Vorschriften halten, die in den Technischen Anleitungen (TA) "Lärm" und "Luft" fixiert seien. Das diene der Vermeidung von Geräuschen und Gerüchen. Tempke wollte auch den technischen Unterschied zu der Wimex-Biogasanlage auf dem Köthener Flugplatz unterstrichen wissen: "Unsere funktioniert ganz anders."

Die Köthener Anlage müsste im übrigen, wenn sie denn genehmigt wird, nicht unter den deutlich rigideren Bedingungen des Bundes-Immissionsschutzgesetzes (BImSchG) gebaut werden, sondern könnte ganz normal nach dem Baurecht entstehen. Lediglich für einen Teil der Anlage, die Flüssiggasbeimischung, die dafür sorgt, das Biomethan auf den Heizwert von Erdgas zu bringen, wäre eine Prüfung nach BImSchG notwendig, sagt Tempke.

 

Gute Sache, falscher Platz
MATTHIAS BARTL

kann nicht nachvollziehen, wie die Stadt auf den geplanten Standort für die Biogasanlage gekommen ist. Die Förderung erneuerbarer Energien ist an sich richtig. Fossile Brennstoffe werden knapp und teurer, Atomkraft ist politisch nahezu geächtet - das alles hat, verbunden mit dem Horror vor einer Klimakatastrophe, dazu geführt, dass gerade hierzulande Windräder, Solarparks und auch Biogasanlagen wie Pilze aus dem Boden geschossen sind.

So begrüßenswert dies ist, so genau muss man sich den einzelnen Standort ansehen, ehe man eine Entscheidung darüber trifft, ob er sich als sinnvoll erweist oder nicht. Dies hat man in Köthen vor Jahren getan, als es um einen Windrad-Wald bei Porst und Zehringen ging, der das Ortsbild von Köthen optisch erheblich beeinträchtigt hätte. Umso weniger kann man verstehen, dass die Stadt als Platz für eine Biogasanlage ausgerechnet einen Standort empfiehlt, der einen halben Stadtteil beeinträchtigen könnte. Zwar versichert der Investor, dass weder Geruch noch Transportlärm auswachsen würden, beruft sich auf so genannte Technische Anleitungen (TA) Luft und Lärm, die er einhalten müsse. Ob das allerdings die Anwohner als ausreichend empfinden? Die verlassen sich lieber auf die TA Nase und die TA Ohr. Und die haben ganz andere Grenzwerte.

 

15 000 000 Kubikmeter pro Jahr
WIRTSCHAFT Die Anlage in Könnern ist eine der weltweit größten zur Herstellung von Biomethan. Die Köthener Anlage soll weniger als halb so groß sein.
VON MATTHIAS BARTL

KÖNNERN/MZ - 12.08.2010

Dirk Tempke zeigt auf eine Reihe von Fermentoren und Gärrestbehältern. "Die Behälter, die links von der Straße stehen, das wäre die Größenordnung, die wir in Köthen bauen wollen", sagt Tempke. Der Geschäftsmann ist Prokurist der Nordmethan Green Energy GmbH, die im Köthener Gewerbegebiet Ost eine Biogasanlage bauen will (die MZ berichtete), die ein kleiner Bruder der Anlage werden soll, wie sie im Könneraner Gewerbegebiet Süd bereits seit Monaten arbeitet. Tempke und sein Projektleiter Rainer Tögel kennen die Befindlichkeiten, die bei den Anliegern immer dann auftauchen, wenn es um Biogasanlagen in Wohnungsnähe geht und sind bemüht, die Bedenken und Sorgen zu zerstreuen. "In Deutschland", sagt Rainer Tögel, "sind derzeit 36 Biomethan-Anlagen in Betrieb, fünf davon in Sachsen-Anhalt." Nordmethan allein hat weitere zwei Projekte in der Planung; neben Köthen noch eine Anlage in Glöthe bei Staßfurt. Dort ist man schon ein Stück weiter, hat bereits eine Versammlung mit den Anliegern hinter sich gebracht. Überzeugt hat man die Glöther dabei nicht, wenn man den Bericht der "Volksstimme" als Grundlage nimmt.

Das ficht Tempke und Tögel nicht an. Statt Emotionen wollen sie Fakten sprechen lassen. Zum Beispiel, was die Sorgen wegen der Substrat-Transporte angeht. Die Anlage in Könnern, die im Jahr 15 Millionen Kubikmetern Methan produziert, wird im Jahr mit rund 140 000 Tonnen Substrat "gefüttert". Als Substrat verwendet werden ausschließlich nachwachsende Rohstoffe und Gülle zum An-Impfen der Fermentoren. Nach dem Prozess bleiben etwa 80 000 Tonnen Gärreste übrig, die abtransportiert werden müssen. 

Insgesamt also gehen rund 220 000 Tonnen Masse über die Straße. "Das ist im Vergleich mit den zwei Millionen Tonnen, die die Zuckerfabrik in der Kampagne geliefert bekommt, eher wenig", findet Tögel. Zumal die Kampagne der Biogasanlage deutlich länger ist als die der Zuckerfabrik: 200 gegen 90 Tage, da verteile sich die Transportmenge auch ganz anders. Die restlichen 165 Tage des Jahres lebt die Anlage aus der Reserve,  sprich: aus dem Substrat, das in den Fahrsilos eingelagert ist. Da die Köthener Anlage nur ein Drittel der Könneraner Kapazität haben soll, falle auch die Substratmenge deutlich geringer aus. Außerdem werden inzwischen 80 Prozent des Substrats per Lkw angeliefert - das sei vom Energieverbrauch und von der Lärmbelästigung her deutlich günstiger als eine Belieferung per Traktor. Die Nordmethan, das wollte Tempke unterstrichen wissen, werde in Köthen keinerlei Gülle als "Fütterung" verwenden. Selbst für das An-Impfen der Fermentoren, in denen das Biogas erzeugt wird, sei in Köthen keine Gülle notwendig. "Wir können dafür problemlos Bakterien-Stämme aus Könnern verwenden."

 Auch seien die Sorgen unbegründet, die Kosten, die der Köthen Energie als Netzbetrieber dadurch entstehen, dass sie zu viel Gas in ihre Leistungen bekommt und daher rückeinspeisen muss, würden auf die Bürger von Köthen umgelegt, sagt Tempke. Der in diesem Zusammenhang darauf verweist, dass solche Kosten über die Netzagentur geregelt werden würden -was freilich aus der Gastnetzzugangsverordnung so direkt nicht herauszulesen ist. Der im Prozess entstehende Schwefelwasserstoff werde in Elementarschwefel umgewandelt, der als Nährstoff den Gärresten wieder zugefügt wird. Die nährstoffreichen Gärreste, die nach dem Prozess übrig bleiben, landen als Dünger auf den Äckern der Bauern, die zuvor das Substrat geliefert haben. "Wir geben das kostenlos ab." Und in Mengen: Bei 140 000 Tonnen Substrat wie in Könnern gehen jährlich 80 000 Tonnen Gärrest zurück auf die Felder. Allerdings dürfen die Gärreste vom 1. November bis 31. Januar nicht ausgebracht werden - für diese Zeit müssen sie gelagert werden, denn die Anlage produziert ja weiter.

 Ökonomisch gesehen ist die Biomethan-Raffinerie durchaus lukrativ - und nicht nur für den Betreiber. In Könnern will man bereits 2011 soweit sein, eine Gewerbesteuer an die Kommune zahlen zu können. Darüber hinaus werden jährlich für vier Millionen Euro Fremdleistungen in die Region vergeben - eine Million Euro werden in verschiedenste Dienstleistungen investiert, drei Millionen Euro werden für Substratlieferungen aufgewendet, gehen also an die landwirtschaftlichen Unternehmen rings um Könnern. Geht man davon aus, dass die Köthener Anlage - so sie denn tatsächlich gebaut wird - ungefähr ein Drittel von der Könneraner Größe ausmacht, so können die Landwirte im weiteren Umland von Köthen mit rund einer Million Euro pro Jahr für Substratlieferungen rechnen.

 

Ein Gesamtproblem aus vielen kleineren Problemen
Umweltexperte Erhard Tschirner hat sich mit Sicherheits- und Rechtsfragen im Zusammenhang mit der Anlage beschäftigt.

KÖTHEN/MZ - 12.08.2010

Erhard Tschirner ist Anlieger der Melwitzer Siedlung und seit 20 Jahren als Umweltfachberater tätig. Die geplante Biogasanlage am Damaschkeweg berührt ihn also in doppelter Hinsicht. Er hat dazu ein erklärendes Schreiben verfasst, aus dem hier auszugsweise zitiert wird.

"Die Standortwahl", stellt Tschirner, fest, "ist mehr als kritisch einzuschätzen. Im Fall der Errichtung einer (...) Biogasanlage als geruchsrelevante Anlage hätten der Investor und die zuständige Behörde üblicherweise frühzeitig die Bevölkerung einbeziehen müssen, um den jetzt eingetretenen Vertrauensverlust zu vermeiden. Schon bei der Errichtung von Anlagen nach dem Baurecht ist zu prüfen, ob alle Belange des Umweltschutzes, der Nachbarschaft und der Anlagensicherheit nach den Vorschriften und Gesetzen und Sicherheitsempfehlungen der Störfall-Kommissionen für die Anlagenart am gewählten Standort erfüllt sind." Schlecht für das Grundwasser
Tschirner befürchtet, dass zu den aus der regionalen Versorgung entstehenden Gärresten noch Reste aus überregionaler Herkunft hinzukommen. Die Konsequenz sei, dass die anfallenden Gärreste dieser Anlage auf die Flächen der regionalen Substratlieferanten aufgebracht werden und zu einer weiteren Verschlechterung des Grundwassers führen. Die Befürchtungen des Stickstoffeintrages stehen hier insbesondere an, da im Gegensatz zur Biogasanlage am Flugplatz kein Feststoff als Gärrest erzeugt wird, sondern ein Feststoff-Flüssiggemisch entsteht, das auf die Felder gebracht werden soll und von den Pflanzenwurzeln nicht vollständig, wegen der schnellen Versickerung der flüssigen konzentrierter Stickstoffverbindungen aufgenommen werden kann. "Bezüglich des Schutzes der Nachbarn bestehen durch die Nähe der Wohngebiete und der Wohnungen in einem angrenzenden Geschäftshaus fundiert begründete fachliche Bedenken für die Genehmigungsfähigkeit des Standortes. Es ist den meisten Bürgern nicht bekannt, dass neben der Entstehung des Hauptvergärungsproduktes Methangas auch besonders gefährlicher Schwefelwasserstoff entsteht. Aus diesem Grunde haben die EU-Störfallkommissionen, die die Anlagensicherheit und Unfälle sowie deren Auswirkungen bewerten, für Anlagen, in denen mehr als zwei Kilo Schwefelwasserstoff enthalten, sind einen Mindestabstand von 800 Meter zu Wohngebieten empfohlen." Dieser werde am Standort weit unterschritten.

Unberücksichtigt sei hierbei der noch hinzuzurechnende Schwefelwasserstoff in den Lagerbehältern der Gärreste. Schwefelwasserstoff ist hochgiftig. Ein Störfall mit einer Teilfreisetzung des Schwefelwasserstoffes hätte bereits katastrophale Folgen für die Anwohner. Die Rechtsfolgen für die Genehmigungsbehörde und den Investor sind weitreichend. Klar ist, dass die EU-Seveso-Verordnung, umgesetzt in Deutschland durch die Störfall-Kommission, bei der Standortwahl für die Anlage nicht berücksichtigt oder ignoriert wurde. Es wäre von vornherein keine Bauvoranfrage für den Standort zustande gekommen. Die jüngste Vergangenheit hat in Duisburg gezeigt, was passieren kann, wenn Sicherheitskonzepte ignoriert werden.

Hoffnung auf B 6 n-Neubau

Köthen, so Tschirner, brauche im Gewerbegebiet Ost keine tickende Zeitbombe wegen unzureichender Abstände zu Wohnungen und Wohngebieten. Die offerierten acht Arbeitsplätze werden der Stadt Köthen fehlen, sind aber in Abwägung der Gefahrensituation bestimmt später mit dem Neubau der B 6 n zu ersetzen. Die Nähe der Gewerbegebiete zur B 6 n werden dann sicherlich Investoren mit genehmigungsfähigen Vorhaben nach Köthen ziehen und die Arbeiten der Wirtschaftsförderung auf fruchtbaren Boden bringen. Für den Investor wird sicherlich ein Grundstück mit ausreichendem Abstand zu Wohnungen und Wohngebieten gefunden werden.  Köthen, zieht Tschirner ein Fazit, "braucht zweifelsfrei eine wirtschaftliche Belebung der Gewerbegebiete, aber bitte nicht zum Preis der Szenarien von Seveso oder Duisburg."

 

Ein Minenfeld am Damaschkeweg
BIOGASANLAGE Auf einer Informationsveranstaltung tauschen Investor, Verwaltung und Anlagengegner Argumente und Standpunkte aus. Unübersehbar ist, dass das Vorhaben eine breite Ablehnung erfährt.
VON MATTHIAS BARTL

KÖTHEN/MZ - 21.08.2010

Die Antwort auf den (fast) letzten Satz des Abends blieb Rainer Tögel schuldig. Er musste sie auch schuldig bleiben, denn was hätte der Vertreter der Firma Nordmethan auch sagen sollen, als ihn der souverän und fair moderierende Pfarrer Wolfram Hädicke mahnte: "Herr Tögel, überlegen Sie sich das noch mal!" Tögel hätte nur wiederholen können, was er und Nordmethan-Prokurist Dirk Tempke schon seit einigen Tagen mehrfach zum Ausdruck gebracht haben: Das Unternehmen ist nicht mit dem Grundstück am Damaschkeweg verheiratet, aber schon ein Stück weit mit dem Standort Köthen. Insofern ist es nicht nur an Nordmethan, sich etwas zu überlegen, sondern vielmehr an der Stadt.

Denn dass der Standort Damaschkeweg für das Unternehmen eher ein - durchaus doppeldeutig gemeintes - Minenfeld ist, wurde am Donnerstagabend überdeutlich. Die Bürgerinitiative aus Melwitzer und Altmelwitzer Bürgern, die zu dem Info-Treffen in den Hörsaal des Technologiezentrums am Hubertus eingeladen hatte, um dort über den geplanten Bioraffinerie-Standort in der Nähe ihrer Häuser zu debattieren, zeigte ganz klar, dass sie keinesfalls zu Kompromissen geneigt ist - dies als Botschaft sowohl an das Unternehmen als auch an die Stadtverwaltung gerichtet.

Kontrapunkte Tögel und Tschirner

Den informatorischen Hauptpart der Veranstaltung bestritten Rainer Tögel für Nordmethan auf der einen und Dr. Erhard Tschirner für die Bürgerinitiative auf der anderen Seite. Beide konnten, aus Sicht des neutralen Beobachters, durchaus argumentativ überzeugen. Tögel erläuterte ausführlich das langwierige Verfahren, das dem Bau einer solchen Anlage vorausgehe. In Köthen, dies hat sich in den letzten Tagen herausgestellt, kann die Anlage - wenn denn überhaupt - nicht nach Baurecht errichtet werden, wie das zum Beispiel in Könnern der Fall war, sondern nach der Bundesimmissionsschutzverordnung (BimschV) - ein deutlich aufwändigeres  Verfahren. Tögel erläuterte, warum Nordmethan Köthen als Standort bevorzuge: Die für den Betrieb der Anlage notwendigen nachwachsenden Rohstoffe seien im Umkreis von maximal 20 Kilometern problemlos auch in der benötigten Menge zu bekommen. Außerdem müsse eine solche Anlage in einem Gewerbe-Industrie-Gebiet stehen -das sei hier der Fall. Drittens müsse eine Möglichkeit bestehen, das erzeugte Methangas in ein Gasnetz einzuspeisen; das sei hier nach Lage der Dinge möglich. Tögel räumte mit der Sorge auf, dass Investitions-Kosten, die der Köthen Energie (KE) durch die Einspeisung des Nordmethan-Gases eventuell entstünden 1:1 auf den KE-Kunden umgelegt würden. "Diese Kosten tragen alle Netzbetreiber mit, die am Transport des Gases egal wohin in Deutschland beteiligt sind", sagte er. Diese Umlage über die Netzagentur, diese Verteilung der Kosten auf alle Netzbetreiber wurde auch von KE-Chef Wolfgang Thurau bestätigt.

Erhard Tschirner, in Melwitz wohnhafter Umweltberater, hatte seinen Vortrag unter die Überschrift "Fachliche Gegenargumente" gestellt und arbeitete sich wissenschaftlich durch raumordnerische Belange, durch Rechtsunsicherheiten in der B-Plan-Satzung für dieses Gebiet, verwies auf Abstandsempfehlungen für bestimmte Stoffe, die bei der Methanproduktion entstehen. Methan sei ein Gas mit gefährlichen Eigenschaften, darauf habe schon die bundesdeutsche Kommission für Anlagensicherheit verwiesen, so Tschirner und fragte: "Was passiert denn bei einer Explosion?" Technik habe die unangenehme Eigenschaft, dass sie versagen könne.   Tschirner erinnerte an die Schutzgüter, die durch den Bau am Damaschkeweg betroffen sind: Wohnungen, Verkehrsflächen, Naturflächen. Dies hätte Nordmethan schon beachten müssen, bevor eine Bauvoranfrage bei der Stadtverwaltung gestellt worden sei, fand der Umweltberater. Der auch Tögels Hinweis, man müsse in einem Gewerbegebiet bauen, nicht gelten lassen wollte -dies sei genauso in speziell ausgewiesenen Sondergebieten möglich.

Grundstück von Stadt angeboten

Tögel, der auch als Ehrenretter der Biogas-Branche angetreten war ("Es gibt 4000 Anlagen in Deutschland"), sah sich insgesamt durch Tschirners Ausführungen nur bestätigt. "Die Fragen, die hier gestellt worden sind, müssen im Zuge des Genehmigungsverfahrens beantwortet werden", unterstrich er. "So weit sind wir aber noch gar nicht." Man habe bei der Stadt nach einem passenden Grundstück gefragt und das am Damaschkeweg angeboten bekommen. Was von OB Kurt-Jürgen Zander bestätigt wurde: Diese Fläche sei die derzeit einzig verfügbare für ein solches Vorhaben. Zander musste sich - bezogen auf das Grundstück - einiger Vorwürfe erwehren (die MZ berichtet noch).

Viele Fragen an Nordmethan

Aus dem Publikum wurde Tögel ein Reihe von Anfragen gestellt, z.B zum Verbleib der Gärreste und zur Höhe des Transportaufkommens. Besonders die Menge des zu verarbeitenden Substrats interessierte, zumal widersprüchliche Zahlen kursierten. Tögel betonte, dass es sich um 40 000 Tonnen pro Jahr handelte. Hinsichtlich der Lagerung bestehe die Möglichkeit, das Substrat in Fahrsilos zu lagern -wie in Könnern -, vorstellbar sei aber auch eine Just-in-Time-Anlage, bei der das Substrat immer zum benötigten Termin geliefert werde.

"Das Thema Biogas ist in Köthen vorbelastet", stellte Tögel mit Verweis auf die Anlage am Flugplatz fest. Die Nordmethan-Anlage sei aber etwas ganz anderes. "Ich lade jeden ein, nach Könnern zu kommen und sich das anzusehen." Davon hatten die Melwitzer Helge Finze und Wolfgang Dörr schon am Tag zuvor Gebrauch gemacht: "Es stinkt doch", sagte Finze. Und schlug vor: "Wir machen einen Vertrag, Sie unterschreiben, dass es nicht stinkt, stinkt es dann doch, dann zahlen Sie!" Ein spaßiger Deal mit ernstem Hintergrund, auf den sich Tögel nicht einlassen wollte -"da ist mir zu viel Subjektivität dabei". Und Tschirner wusste: "Es gibt keine Technologie, die Geruch komplett verhindert."

Nicht überhört werden durfte an diesem Abend ein Hinweis von OB Zander, bei dem es um die generelle Nutzbarkeit des Grundstücks ging. Gut möglich, so der OB, dass keine Biogasanlage am Damaschkeweg gebaut werde. Genauso gut könne aber eine andere industrielle Ansiedlung erfolgen - der Phantasie seien da keine Grenzen gesetzt. Das Grundstück liege in einem Gebiet, das seit 1992 für Industrie und Gewerbe nutzbar sei. Das kam bei einigen im Saal nicht gut an, die meinten, davon nichts zu haben. "Wenn dort Arbeitsplätze entstehen, hat die ganze Stadt etwas davon", entgegnete Zander. Dass es dort draußen immer so ruhig bleibe wie jetzt, wo auf der Gewerbefläche nur Mais wächst, könne man nicht garantieren. Ruhig werden will auf alle Fälle die Bürgerinitiative nicht. Ronald Mormann, der dazu beigetragen hatte, den Stein ins Rollen zu bringen, informierte gestern, dass inzwischen rund 2000 Unterschriften gegen die Anlage am Damaschkeweg gesammelt wurden.

"Wir werden unsere Aktivitäten nicht einstellen", so Mormann, "noch ist nichts entschieden." Kommentar

 

 

Sachlich und zielorientiert
MATTHIAS BARTL

findet, dass die Diskussion um die geplante Biogasanlage auch ein Lehrstück ist für demokratisches Mitwirken. Genau betrachtet, können die Köthener stolz sein auf diese Veranstaltung. Obschon mit dem beabsichtigten Bau der Biogasanlage im Gewerbegebiet Ost ein für viele auch persönlich heikles Thema auf der Tagesordnung stand, blieben die Leute im Saal fast durchgängig sachlich und zielorientiert. Man hat ähnliche Treffen schon in einem Tohuwabohu enden sehen. Etwa vor vielen Jahren an der Fuhne, wo man sich um die Abwasserentsorgung stritt - bis hin zu persönlichen Anwürfen. In Köthen hatten die Teilnehmer auf dem Podium und im Saal ihre Hausaufgaben gemacht, fragten gezielt nach, bekamen in der Regel vernünftige Antworten - und wissen jetzt zumindest ziemlich genau, wo die Probleme liegen und wo möglicherweise auch ein Notausgang für alle Beteiligten zu finden ist. Denn die Firma Nordmethan hat bei allem Verständnis für die Sorgen und Ängste der Hausbesitzer und der Unternehmen im Gewerbegebiet auch deutlich werden lassen, dass der Stadtort Köthen - nicht der Standort Damaschkeweg - für sie von großem Interesse ist. Das wundert nicht: Vor allem logistisch gesehen scheint die Stadt ein Idealfall für eine Biogasanlage zu sein. Rundherum liegen hinreichend viele Nordmethan-Substratproduzenten, die auf kurzem Weg liefern können. Nahebei liegt eine einspeisefähige Gasleitung. Das alles sind Punkte, die die Firma nicht vernachlässigen kann, wenn sie ihr Geschäftsfeld unter ökonomischen Gesichtspunkten bestellen möchte.


Die Stadtverwaltung ist mithin gut beraten, wenn sie nach dem Abend genau überlegt, ob es nicht an für alle Seiten akzeptabler Stelle eine Möglichkeit gibt, eine Fläche als Sondernutzungsgebiet auszuweisen, um dort - ein Stück weit abseits menschlicher Behausungen -eine Biogasanlage errichten zu können. Vielleicht findet sich ja ein Weg, der allen gerecht wird: den Einwohnern, dem Unternehmen, der Gewerbesteuer und dem Klima. Schön wär´s jedenfalls.

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